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Pflegeheim Saint-François, Sitten

Wettbewerb für den Umbau und die Erweiterung

2025

Das Projekt „Les jardins de Saint-François“ stellt das Gärtnern in den Mittelpunkt des Lebens der Bewohner. Die positiven Auswirkungen des Gärtnerns auf die ältere Generation sind seit der Antike bekannt. Schon Cicero schrieb in seiner Abhandlung „De Senectute“ („Über das Alter“): „Glaubt ihr denn, dass jene alten Römer, die ihre Felder mit Freude bestellten, ein erbärmliches Alter hatten? Ich für meinen Teil könnte mir kein glücklicheres vorstellen, nicht nur, weil man mit der Verrichtung der landwirtschaftlichen Arbeiten eine Pflicht erfüllt, die für die gesamte Menschheit eine Quelle des Segens ist, sondern weil man dank dieser Mühen zahlreiche Freuden geniesst und sich im Überfluss all der Dinge befindet, die für das Leben der Menschen und den Kult der Götter notwendig sind. […] Mit zwei Worten: Es gibt nichts Reicheres und Prachtvolleres auf der Welt als eine gut bestellte Flur; und weit davon entfernt, dass das Alter uns daran hindert, sie zu geniessen, ruft es uns aufs Feld und zeigt uns all ihren Reiz. Ist dies nicht der Ort, an dem sich Greise am besten an den Sonnenstrahlen oder am Herdfeuer wärmen oder im Schatten grosser Bäume und am Ufer von Gewässern erfrischen können?“ (De Senectute XVI. Französische Übersetzung, Hrsg. Nisard. Paris: Firmin Diderot Frères, Fils & Cie. 1864.)

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Das Gärtnern ermöglicht es in der Tat, sich körperlich zu betätigen, die frische Luft zu geniessen, sich für das gemeinsame Gärtnern oder den Austausch von Ratschlägen zusammenzufinden und vor allem gemeinsam die Früchte der Arbeit zu ernten. Diese Beschäftigung gibt, wie andere auch, ein Ziel vor und rhythmisiert sowohl den Alltag als auch die Jahreszeiten, wie die wissenschaftliche Studie von Prof. Dr. J. S. Litt et al. in The Lancet Planetary Health (Vol. 7, No. 1, Januar 2023) bestätigt. Im Neubau ist das Gärtnern für alle Bewohner zugänglich: im Gemüsegarten oder im Gewächshaus im Herzen des Areals, in den Hochbeeten auf der Terrasse im 1. Obergeschoss sowie in den Pflanzkästen auf den Balkonen jeder Wohneinheit und in den Zimmern. Diese Bereiche sind so konzipiert, dass sie den Anbau einer grossen Vielfalt an Pflanzen ermöglichen, deren Menge leicht an die Wünsche der Bewohner angepasst werden kann. Durch ihre Verteilung auf dem gesamten Areal dienen die Pflanzen selbst denjenigen, die nicht aktiv gärtnern möchten, da sie den Ausblick verschönern. Die Identifikation mit dem Ort wird für die Bewohner gestärkt, die zur Erhaltung einer idyllischen Umgebung beitragen, die sie sich aneignen.

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Das Alters- und Pflegeheim (EMS) und seine künftige Erweiterung befinden sich in einem Gebiet, das gemäss dem ISOS (Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz) als „bedeutende Wohnentwicklung auf der Rückseite von Tourbillon“ eingestuft wird. Die Schutzmassnahme nennt als Ziele die Erhaltung der wesentlichen Merkmale. Hier bestehen die wesentlichen Merkmale in der Wohnfunktion, der Nähe und dem Blick auf das Schloss Tourbillon. Die Ortsbegehung hat die starke Präsenz der Natur im Quartier aufgezeigt – eine Qualität, die im Projekt aufgewertet wird. „Jardins de Saint-François“ schlägt vor, den Wohncharakter des Ortes mittels eines städtebaulichen Volumens aufzuwerten, das einer Wohnzeile gleicht. Zudem drückt dieses kompakte Volumen den Charakter einer zentralen gemeinschaftlichen Infrastruktur für das Leben im Quartier und in der Stadt aus. Diese typologische Wahl ermöglicht eine rationelle und wirtschaftliche Bauweise, begrenzt aber vor allem den Fussabdruck (Flächenbeanspruchung), um den Boden zu begrünen und als Garten zugänglich zu machen. Diese Wahl respektiert die modernistische städtebauliche Tradition, die dem Geist der Epoche der Quartiersverdichtung entspricht, die ihm sein heutiges Gesicht verliehen hat. Auf diese Weise gelingt es den grosszügig dimensionierten „Jardins de Saint-François“ trotz des ambitionierten Raumprogramms im verfügbaren Volumen, den sinnvollen Wunsch nach einem zentralen sozialen Ort für das Quartier zu erfüllen. Die Form des Baukörpers weist einen Knick auf, der sich in die bestehende natürliche Topographie des Ortes einfügt und zudem das Prinzip des Raumprogramms zum Ausdruck bringt, das aus zwei Pflegeeinheiten pro Stockwerk besteht. Darüber hinaus integriert sich das Volumen harmonisch in das Areal mit einem Sockel, der das untere und obere Erdgeschoss umfasst und jeweils zwei Einheiten sowie die Hälfte des Gemeinschaftsprogramms aufnimmt, während die oberirdischen Geschosse mit jeweils zwei Einheiten pro Etage kleiner dimensioniert sind.

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Das Bauwerk wird in einer Mischbauweise (Holz-Massivbau) ausgeführt, getreu dem Prinzip „das richtige Material am richtigen Ort“, um mechanische Leistungsfähigkeit, thermische Trägheit, schnelle Bauzeit und die Reduktion des CO₂-Fussabdrucks zu vereinen und gleichzeitig eine langfristige Dauerhaftigkeit zu garantieren. Das Haupttragsystem basiert auf einem Holzskelettbau, bestehend aus Stützen und Brettsperrholz-Flachdecken (CLT-Platten), die nach dem Verfahren Timber Structure 3.0 (TS3) stumpf miteinander verklebt werden. Das regelmässige Raster von 7.20 m begünstigt sowohl einen optimierten Materialeinsatz als auch den Rückgriff auf die Vorfabrikation, was eine schnelle und präzise Montage garantiert. Punktuell in die Deckendicke integrierte Stahlprofile verstärken die Bereiche mit grossen Spannweiten dort, wo weitläufige, stützenfreie Räume benötigt werden. Die Gesamtstabilität wird durch Stahlbetonkerne gewährleistet, welche die horizontalen Lasten aufnehmen und das Erdbebenverhalten des Bauwerks sichern. Die massiven Mauerwerksfassaden mit verputzter Aussenwärmedämmung (Kompaktfassade) bringen eine hohe Masse in den Gebäudeparameter ein, was den Innenraumkomfort durch eine hohe thermische Trägheit verbessert. Ein umlaufender Ringbalken (Zentrierung) aus Stahlbeton ergänzt das System als stabilisierender Gürtel. Im Untergeschoss ist das Parking mit einer Abfangdecke aus Stahlbeton konzipiert, die auf regelmässig beabstandeten Stützen ruht. Dies bietet eine hohe Flexibilität bei der Raumaufteilung in den darüber liegenden Geschossen und bleibt dennoch in wirtschaftlichen Dimensionen. Vorteile des vorgeschlagenen Systems:

  • Konstruktive Einfachheit: Das regelmässige Stützen-Platten-Raster sorgt für eine klare und einfache Organisation der Innenräume.

  • Reduktion des CO₂-Fussabdrucks: Überwiegende Verwendung von Holz als Tragwerksmaterial.

  • Sinnvolle Integration der mineralischen Masse (Kerne und Fassaden) für die Erdbebensicherheit und die thermische Trägheit.

  • Schnelle Ausführung: Hoher Vorfertigungsgrad der Holzelemente.

  • Nutzungsflexibilität: Das Stützen-Platten-System ermöglicht eine einfache Anpassung an zukünftige programmatische Entwicklungen.

Das Raumklima ist so konzipiert, dass es zu jeder Jahreszeit angenehm ist und gleichzeitig die natürlichen Elemente nutzt. Die Fassaden sind in jedem Stockwerk mit horizontalen Fensterbändern versehen, um den passiven Solargewinn im Winter zu maximieren. Die Verglasungen werden durch ein Vordach mit integriertem Rafflamellenstoren auf jeder Etage geschützt. Diese Vordächer sind im Osten, Süden und Westen mit Photovoltaikpaneelen bestückt und im Norden mit Holzschindeln verkleidet. Die Paneele decken somit eine grössere Fläche ab, als wenn sie auf dem Dach angeordnet wären, wodurch die visuelle Beeinträchtigung des Areals minimiert wird.

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Der Haupteingang erfolgt über den Garten im Erdgeschoss – eine echte Visitenkarte, die als Drehscheibe für das soziale Leben im Quartier dient und über die man sowohl zum Eingang des bestehenden Gebäudes als auch zum Eingang des Neubaus gelangt. Die Wege im Garten und die Innenflure des Neubaus sind als Rundlauf (Schlaufe) konzipiert, um zu verhindern, dass sich Bewohner mit kognitiven Einschränkungen oder Behinderungen in einer Sackgasse verlieren. Die kurzen bis mittleren Flurlängen im Inneren des Neubaus erleichtern die Orientierung.

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