Palazzo Silvestri-Rivaldi, Roma
Virtuelle Wiederherstellung eines unvollendeten Entwurfs von Giovanni Vasanzio
2020
Der flämische Architekt Jan van Santen, auch bekannt als Giovanni Vasanzio, wurde zwischen 1609 und 1611 mit der Erweiterung und Verschönerung des Palazzo Silvestri-Rivaldi in Rom beauftragt, der sich damals im Besitz von Kardinal Lanfranco Margotti befand. Leider blieb dieses Projekt unvollendet, vermutlich aufgrund des frühen Todes des Auftraggebers. Es ist jedoch möglich, die gesamte hypothetische Konfiguration des von Vasanzio entworfenen Portikus zu rekonstruieren – der zweifellos den wichtigsten Beitrag des Architekten zum Palast darstellte. Dies gelingt dank des Vorhandenseins von Gewölbeansätzen des Portikus und durch den Vergleich mit anderen zeitgenössischen Bauten von Vasanzio sowie anderen Architekten, die im selben römischen Kontext tätig waren. Dies ist das Ziel der Forschung, die in wertvoller Zusammenarbeit mit Alessandro Cremona durchgeführt wurde.
Die Rekonstruktion ist das Ergebnis eines multidisziplinären methodischen Ansatzes, der sowohl archäologische als auch architektonische Methoden umfasst und folgende Schritte durchlief:
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Informationsbeschaffung vor Ort sowie Recherchen zu den Werken von Vasanzio und anderen zeitgenössischen Architekten aus der Planungsphase des Portikus;
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Interpretation der gewonnenen Erkenntnisse im Sinne einer philologischen Rekonstruktion und die anschliessende zeichnerische Ermittlung der verschiedenen möglichen Konfigurationen des Portikus;
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Übertragung der Grundrisszeichnung in eine räumliche Darstellung sowie das Erstellen von Konstruktionsdetails und Illustrationen.
Die bereits in einem Text von Alessandro Cremona geäusserten Hypothesen bildeten einen äusserst wichtigen Ausgangspunkt für die nachfolgend dargestellte Arbeit. Cremona kontextualisierte Vasanzios Eingriff im Palazzo Rivaldi-Silvestri unter Berücksichtigung der Hofkonfiguration, ohne jedoch Vermutungen über dessen stilistische Facies (Erscheinungsbild) anzustellen.
Cremonas Hypothese, dass der Portikus wahrscheinlich der Ausrichtung des Hofes folgen sollte, wurde als überzeugend eingestuft. Das Vorhandensein des Nymphaeums in der Ecke zwischen den beiden Hofflügeln deutet in der Tat auf diese Art der Raumorganisation hin. Zudem weist das Nymphaeum – das sehr reich verziert und etwas höher als ein Stockwerk ist – Merkmale auf, die darauf schliessen lassen, dass es dafür konzipiert wurde, vom Hof aus bewundert zu werden. Der aktuelle Treppenkörper, der sich zwischen der zentralen Loggia des Palazzo Rivaldi und dem Flügel zur Via del Colosseo befindet und auf das 16. Jahrhundert datiert werden kann, besteht aus einem Vollvolumen. Ein alternativer Rekonstruktionsversuch der Galerie hat uns gezeigt, dass dieses Volumen vom Hof aus gesehen im Kontrast zum Leerraum der Galerie gestanden hätte. Wir haben vermutet, dass Vasanzio die Freiheit gehabt haben könnte, die Treppe an eine andere Stelle im Gebäude zu verlegen, um die Galerie über die gesamte Länge der Fassade zu verlängern. Auf diese Weise hätte sich die Fassade der Galerie kontinuierlich wie ein Band über diese gesamte Länge entwickelt.
Die Bauaufnahme des Mauerwerks legt nahe, dass die Auflagekonsolen vermutlich in einer späteren Phase hinzugefügt wurden. Das Ziegelmauerwerk erscheint nämlich als nachträgliche Ergänzung oberhalb der bestehenden Fassade. Zudem ist die Dicke der Aussenmauern im ersten Obergeschoss des Gebäudes auf dieser Seite ausgeprägter als die der Aussenmauer auf der gegenüberliegenden Seite. Andererseits überlagert das Verblendmauerwerk die Struktur des Nymphaeums und stammt wahrscheinlich aus einer späteren Epoche. Obwohl Dokumente den Bau dieses Mauerwerks zu belegen scheinen, konnten diese zum aktuellen Zeitpunkt der Forschung leider nicht wiedergefunden werden. Ist es möglich, dass jemand das ursprüngliche Projekt des Portikus in einer späteren Phase fortgeführt hat? Um dies zu verstehen, wären Sondierungen erforderlich, um den Zustand der Fassade vor der Errichtung des Verblendmauerwerks zu bestimmen – und zwar in der Konfiguration, wie sie von Vasanzio oder anderen unvollendet hinterlassen wurde. Ein Vergleich dieser Ergebnisse mit den Archivdokumenten wäre wiederum entscheidend, um die Chronologie der Ausführung des Ziegelmauerwerks besser zu verstehen.
Darüber hinaus hätte der Portikus den Hof im Erdgeschoss umschliessen müssen, während er sich im Obergeschoss über die gesamte Seite des Gebäudes erstreckt hätte. Eine alternative Rekonstruktion zeigte, dass das Niveau des Piano Nobile (Beletage) der Galerie die Höhe des Giebels des Nymphaeums erreicht hätte. Ein Portikus mit Galerien auf zwei Ebenen ist daher nur sehr schwer zu realisieren und wenig plausibel. Ein Hof mit Galerien im Erdgeschoss, die von Terrassen oder niedrigen Dächern bedeckt sind, hätte die Koexistenz von Galerie und Nymphaeum ermöglichen können. Auch wenn Indizien dafür fehlen, ob Vasanzio eine frühere Anwendung dieser Lösung kannte, wurde sie für die hypothetische Rekonstruktion als bedeutsam erachtet.
In anderen Werken Vasanzios, wie dem Portikus zum Garten der Villa Mondragone in Frascati oder dem Nymphen-Theater des Palazzo Borghese (dem späteren Rospigliosi) in Rom, wählte der flämische Architekt die ionische Ordnung mit Kapitellen, die mit Girlanden zwischen den Voluten verziert sind. Das im Palazzo Rivaldi errichtete Nymphaeum weist ebenfalls die ionische Ordnung auf, die folglich sehr wahrscheinlich auch für den Portikus übernommen worden wäre.
Die wiederkehrenden Ähnlichkeiten zwischen den genannten Projekten (ionische Ordnung, Tonnengewölbe mit Stichkappen, Ochsenaugen im oberen Wandbereich, Bossenwerk mit gelösten Steinen, vor der Wand oder dem Pfeiler vorgeblendete Säule) deuten auf eine für das Werk van Santens charakteristische Architektursprache hin. Die ionische Ordnung des Nymphaeums und das Vorhandensein ovaler Fenster im oberen Teil der Fassade, an die sich der Portikus hätte anlehnen sollen – selbst wenn diese Elemente nicht zwingend direkt Vasanzio zuzuschreiben sind –, können von der Anwendung dieser vasanzianischen Sprache auch im Palazzo Rivaldi zeugen. In der Rekonstruktion wurde diese Formensprache daher vollumfänglich neu interpretiert.
Die gewählte Hypothese bestand darin, das Piano Nobile auf besondere Weise zu behandeln und aus funktionalen Gründen auf die korinthische Ordnung zurückzugreifen. Für die Rekonstruktion inspiriert sich der Entwurf dieser Ordnung an der Manier von Jacopo Barozzi da Vignola, wie sie in seinem Traktat Regole delli cinque ordini d’architettura beschrieben ist. Zwischen den beiden Architekten besteht in der Tat eine starke Korrelation – bis zu dem Punkt, dass der von Vasanzio errichtete Portikus der Villa Mondragone zeitweise Vignola zugeschrieben wurde. Zudem führte Vasanzio nach Vignolas Tod dessen Tätigkeit fort und setzte dessen Ideen in die Praxis um, insbesondere bei seinem Entwurf für die Loggia des Palazzo Borghese in Artena.
Die Gegenüberstellung von historischer Analyse, archäologischer Untersuchung, dem Studium von Vasanzios theoretischem Denken sowie den Analogien zu seinen ausgeführten Bauten und anderen architektonischen Werken desselben sozialen, historischen und lokalen Kontextes ermöglicht eine kohärente hypothetische Rekonstruktion des Portikus. Der tatsächliche Beweis für diese mehr als wahrscheinliche Hypothese steht jedoch noch aus. Denn wie Cremona betont, stand Vasanzio zu der Zeit, als er an der Galerie von Kardinal Margotti gearbeitet haben soll, erst am Anfang seiner Karriere: Seine stilistischen Referenzen zu diesem Zeitpunkt müssen daher noch weiter vertieft werden.




